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Land in Sicht

Im Bergischen Land haben Genossenschaften Tradition. Auch die Kirche entdeckt die Vorzüge dieser Zusammenschlüsse – wenn auch zaghaft.

 

Text: Anne Meyer
Fotos: Markus J. Feger

 

Das Gymnasium in Lindlar liegt auf einer Anhöhe, umgeben von saftig grünen Wiesen. Als Manfred Fischer und Matthias Weichert an der Schule eintreffen, schiebt sich eine dicke Wolke vor die Sonne. Weichert eilt zurück zum Auto, um Strickjacken zu holen, während Fischer um die Schule herumläuft: Er sucht die Solaranlage, die irgendwo auf dem Dach des verzweigten Gebäudes angebracht sein muss. „Hier ist Südlage, hier müsste sie sein“, ruft Fischer, und schon tauchen die glänzenden Module in seinem Blickfeld auf.

Ortsbesuch in Lindlar: Thomas Willmer (links) und Manfred Fischer präsentieren Solarmodule, die die Energienossenschaft für das Gymnasium in Lindlar angeschafft haben.

Die beiden Männer gehören zum Evangelischen Kirchenkreis An der Agger. Matthias Weichert, freundliche Stimme, ruhiges Auftreten, ist Schulreferent und Vorsitzender im Ausschuss für Öffentliche Verantwortung. Auch Manfred Fischer sitzt in diesem Ausschuss, er ist Rentner, aber irgendwie auch im Unruhestand: Als Ehrenamtler ist der gelernte Elektroingenieur mit für die Umweltarbeit des Kirchenkreises zuständig. Ein Amt, das er keineswegs nur deshalb ausübt, weil irgendjemand es halt tun muss. Fischer will etwas bewegen – und das ist einer der Gründe, warum die Solaranlage auf dem Gymnasium zu einem kleinen Teil auch dem Kirchenkreis gehört.

Fischer und Weichert hatten lange dafür gekämpft, dass der Kirchenkreis An der Agger im Jahr 2014 für tausend Euro zwei Anteile an der Energiegenossenschaft Bergisches Land (EGBL) kaufte. Zuvor war bereits die Evangelische Kirchengemeinde Lindlar der EGBL beigetreten. Die Genossenschaft betreibt insgesamt zehn Anlagen in der Region, die meisten davon auf den Lindlarer Schulen. Scheint die Sonne, wird Strom produziert und ins Netz eingespeist, saubere Energie, frei von klimaschädlichen Emissionen – ein kleiner Beitrag zur Energiewende. „Die Bewahrung der Schöpfung ist ja unsere ureigene Aufgabe“, sagt Weichert, der Schulreferent. „Und wir können ja nicht immer nur sonntags mahnen und selbst nichts tun.“

Etwa 280 Mitglieder hat die Genossenschaft. Alle Mitglieder kommen aus der Region. „Mir war es wichtig, in der Genossenschaft ein breites Spektrum des Bergischen Landes abzubilden“, sagt Thomas Willmer, Gründer und Co-Vorsitzender der EGBL. „Über die Beteiligung der Kirche freuen wir uns besonders. Wenn es um den Umweltschutz geht, darf sie nicht fehlen.“

Jedes Mitglied darf höchstens zwanzig Anteile kaufen, damit niemand übermäßig großen Einfluss bekommt. Es gilt: Ein Anteil, eine Stimme. Alle können zur Mitgliederversammlung kommen und den Kurs mitbestimmen. Das demokratische Prinzip gefällt Weichert und Fischer, auch wenn sie mit ihren Investitionen keinen großen Gewinn erwarten können. Die Dividende liegt momentan bei 2,25 Prozent.

„Es gibt Wichtigeres, als hohe Renditen zu erzielen“, sagt Matthias Weichert. Geld in die EGBL zu stecken, habe einen entscheidenden Vorteil etwa gegenüber Bankgeschäften: „Wir sehen mit eigenen Augen, was mit unserem Geld geschieht – und der Ertrag bleibt in der  Region.“ Weichert denkt an die Beschwerden aus der Bevölkerung gegenüber den Kirchen, als abgehoben zu gelten, den Kontakt zu den Menschen verloren zu haben. Deshalb sieht er in Genossenschaften eine große Chance. „Wir wollen wieder mehr dazu übergehen, das Leben vor Ort zu organisieren.“ Ihn wundert es nicht, dass Genossenschaften in den vergangenen Jahren ihr angestaubtes Image verloren haben. „Die Leute wollen sich wieder mehr engagieren und das Leben in die eigene Hand nehmen.“

Vorbild: Elektrizitätsgenossenschaften

Vor allem im ländlichen Raum haben die Menschen damit Erfahrung. Weil es sich für größere Energieunternehmen nicht rentierte, die dünn besiedelten Regionen mit Strom zu versorgen, gründeten sich dort bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert viele Elektrizitätsgenossenschaften. In Eigenregie produzierten sie Energie oder bauten Netze aus. „Elektrizitätsgenossenschaften gab es hier im Oberbergischen in sehr vielen Dörfern“, erzählt Fischer. „Die Strukturen sind heute zwar anders, aber schon damals waren die Vorsitzenden Ehrenamtler.“

„Der Genossenschaftsgedanke ich hier in der Region noch sehr verbreitet“, sagt Manfred Fischer

Fischer und Weichert wollen sich noch eine weitere Anlage anschauen, sie ist auf dem Dach der Grundschule im Ortsteil Frielingsdorf installiert. Der sechs Kilometer lange Weg führt durch eine sanfte, herbstlich gefärbte Hügellandschaft. An einer Kreuzung weist ein Schild den Weg zum nächsten Raiffeisenmarkt. Wer diesen Namen einmal im Kopf hat, entdeckt ihn plötzlich an jeder Ecke, man merkt, dass Friedrich Wilhelm Raiffeisens Heimat, der Westerwald, nicht weit entfernt ist. „Der Genossenschaftsgedanke ist hier in der Region noch sehr verbreitet“, sagt Manfred Fischer.

Im Jahr 1849 gründete Raiffeisen den ersten „Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“. Zuvor hatte Raiffeisen beobachtet, dass viele Bauern vom technischen und agrarwirtschaftlichen Fortschritt nicht profitieren konnten, stattdessen wurden sie Opfer gieriger Händler, die ihnen minderwertiges Vieh zu überhöhten Preisen und mit Wucherzinsen verkauften: „Unter der armen, ausgesogenen Bevölkerung befinden sich Giftpflanzen, Wucherer, welche sich ein Geschäft daraus machen, die Not ihrer Mitmenschen in herzlosester Weise auszunützen“, sagte Raiffeisen bei der Gründungsversammlung. „Wie das gierige Raubtier auf das gehetzte und abgemattete Wild, so stürzen sich die gewissenlosen und habgierigen Blutsauger auf die hilfsbedürftigen und ihnen gegenüber wehrlosen Landleute, deren Unerfahrenheit und Not ausbeutend, um sich allmählich in den Besitz ihres ganzen Vermögens zu setzen.“

Spekulationen auf das Land

Mit seinem Hilfsverein ermöglichte Raiffeisen den Mitgliedern, Vieh oder landwirtschaftliche Geräte zu kaufen. Vom sogenannten Viehwucher ist im Bergischen heute zwar keine Rede mehr. Dafür sehen sich die Landwirte einem anderen, immer größer werdenden Problem gegenüber. Mit diesem Problem setzt sich Peter Schmidt, der ebenfalls Mitglied im Ausschuss für öffentliche Verantwortung des Kirchenkreises ist, seit etwa drei Jahren auseinander. Auf seinem kleinen Hof in Bünghausen bei Gummersbach hält er gefährdete Tierrassen wie Rotes Höhenvieh oder Braune Bergschafe, direkt ab Hof verkauft er Fleischspezialitäten sowie alte Apfelsorten von seinen Streuobstwiesen. Schmidt kommt nicht aus einer Bauernfamilie, sein Vater war Postbeamter. Erst mit Mitte 30 erfüllte er sich seinen Kindheitstraum und richtete sich den Hof ein.

Landwirt Peter Schmidt: „Die heimischen Bauern können bei den gestiegenen Flächenpreisen nicht mithalten.“

In den vergangenen Jahren machte der Landwirt aus Leidenschaft eine Beobachtung, die ihn beunruhigte: „Wenn Land zum Verkauf steht, greifen immer häufiger Menschen zu, die mit Landwirtschaft gar nichts zu tun haben. Investoren machen das Land zum Spekulationsobjekt, die Flächenpreise steigen. Wir heimischen Bauern können bei den gestiegenen Flächenpreisen nicht mithalten.“

Schmidt kam die Idee, eine Bodengenossenschaft oder einen Fonds zu gründen, in den Menschen aus der Region einzahlen, denen an einer nachhaltigen Landwirtschaft und fairen Bedingungen für die Bauern gelegen ist. Mit dem Kapital will der Fonds den Kauf von Land finanzieren und zu fairen Pachtbedingungen den Bauern zur Verfügung stellen. Im Ausschuss für öffentliche Verantwortung des Kirchenkreises stieß seine Idee auf breite Zustimmung. Doch vorerst liegt der Plan auf Eis. „Eine Bodengenossenschaft ist zu wenig lukrativ und zu aufwendig in der Umsetzung, weil die Vorgaben extrem kompliziert sind“, so Peter Schmidt. „Man müsste schon zusätzliches Geld aufbringen, um einen Manager zu finanzieren, der einen solchen Fonds organisieren könnte.“

Auch wenn die Bodengenossenschaft also Zukunftsmusik ist und die beiden Anteile an der Energiegenossenschaft kaum zu Buche schlagen, leistet der Kirchenkreis doch Pionierarbeit. „Dass sich ein Kirchenkreis in einer Energiegenossenschaft engagiert, ist eher die Ausnahme“, sagt Dietmar Freiherr von Blittersdorf vom Netzwerk Energiewende Jetzt, der schon viele Kirchengemeinden bei der Frage beraten hat, wie sie die Energiewende in Deutschland mitgestalten können. Als weiteres Beispiel für ein Engagement fällt ihm lediglich die Ökumenische Energiegenossenschaft in Bad Boll ein.

„Insgesamt jedoch ist bei den Kirchen der Genossenschaftsgedanke noch nicht richtig angekommen, obwohl er ja mit Raiffeisen auch christliche Wurzeln hat“, sagt von Blittersdorf. Möglicherweise falle es der Kirche nicht leicht, mit ihren Anteilen nur eine von vielen zu sein und die Geschäftspolitik nur bedingt bestimmen zu können.

Es gibt auch noch einen anderen Grund für die insgesamt zaghafte Beteiligung von Kirchengemeinden und -kreisen an Energiegenossenschaften: Seit 2014 sind kaum noch neue Genossenschaften in diesem Bereich gegründet worden. Das habe mit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zu tun, sagt Manfred Fischer: „Es lohnt sich finanziell kaum noch, Energie ins Netz einzuspeisen. Besser, man verbraucht den produzierten Strom gleich selbst.“ Genau daran arbeite auch die Energiegenossenschaft Bergisches Land: Im Sommer 2017 ging auf dem Dach eines Unternehmens in Wiehl-Bomig eine Photovoltaikanlage in Betrieb. Den Strom verkauft die EGBL direkt an die im Haus ansässige Firma, die orthopädische Hilfsmittel produziert – und zwar um einen Cent günstiger als der Regionalversorger.

Als Manfred Fischer und Matthias Weichert schließlich an der Grundschule in Lindlar-Frielingsdorf eintreffen, kommt die Sonne hinter den Wolken hervor und bringt die Solarmodule zum Glitzern. Weichert zieht seine olivgrüne Strickjacke aus. Fischer, der Elektroingenieur, blickt auf das Solardach der Schule und gerät ins Schwärmen. „Die Anlage hat eine Leistung von 68 Kilowatt“, sagt er, die Hände in die Hüften gestützt. Fischer rechnet vor: „Pro Jahr wird hier so viel Energie erzeugt, wie etwa 15 Durchschnittshaushalte im Jahr verbrauchen.“

Theoretisch. Aber praktisch besteht beim Ökostrom das nach wie vor ungelöste Problem der optimalen Speicherung: Scheint die Sonne, entsteht Energie im Überfluss, die sich jedoch für die Nächte oder wolkenverhangenen Tage nicht auf Vorrat halten lässt. Doch Fischer ist optimistisch. „In Zukunft findet man dafür Lösungen, Teillösungen gibt es schon heute.“ Man kann ziemlich sicher sein, dass Fischer die Entwicklung genaustens mitverfolgt.

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