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Hast du mal ’ne Minute?

Mal eben eine Gardine anbringen oder einen Fahrdienst zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Schule übernehmen: Die Generationengenossenschaft „GenoEifel“ organisiert solche Hilfen.

Text: Cristina Helberg
Fotos: Rudolf Wichert

 

Aufgeregt springt der kleine Hund von Gudrun Rother um ihre Beine, als sie das Büro der Generationengenossenschaft „GenoEifel“ im Rathaus von Kall betritt. Die 61-Jährige möchte dort Mitglied werden. Sie trägt einen lilafarbenen Pulli und eine Kurzhaarfrisur, in der Hand hält sie die Hundeleine. Eine Freundin hat ihr von der neu gegründeten Genossenschaft erzählt.

„GenoEifel“-Koordinatorin Corinne Rasky begrüßt die Frührentnerin aus dem Nachbarort Dahlem. Schnell geht es um praktische Fragen: Welche Hilfe könnte Gudrun Rother anbieten? Und in welchen Bereichen könnte sie selbst Hilfe gebrauchen? Gudrun Rother muss nicht lange überlegen. „Ich kann vorlesen, zuhören oder mich auch einfach mit jemandem, der Gesellschaft braucht, auf einen Kaffee oder Tee treffen.“ Zusätzlich würde Gudrun Rother gerne ihr Wissen über Kräuter weitergeben. Ab und zu könne sie außerdem bei handwerklichen Aufgaben selbst Hilfe gebrauchen.

Corinne Rasky nickt zustimmend und fragt: „Wie weit würden Sie für Hilfseinsätze fahren? Wie können wir Sie kontaktieren?“ Dann rückt sie ihre Brille zurecht, notiert sich alles und speichert die Angaben in der Datenbank auf ihrem Rechner. Mithilfe dieser Daten sollen in Zukunft Hilfesuchende und Helfer in der Eifel zusammengebracht werden.

In der ländlich geprägten Region zeigt sich schon heute ein zukünftiges gesellschaftliches Problem besonders deutlich: Ältere Menschen, die nicht mehr mobil sind, haben auf dem Land kaum Möglichkeiten der Teilhabe. Die Generationengenossenschaft GenoEifel möchte das ändern und organisiert nachbarschaftliche Hilfe, die früher oft in der Familie übernommen wurde. Dabei sollen alle Generationen von der gegenseitigen Hilfe profitieren, Junge ebenso wie Alte.

Projektkoordinatorin Corinne Rasky (links) und Geno-Eifel-Vorstandssprecher Malte Duisberg

Einer der Gründer der Genossenschaft und ihr heutiger Vorstandssprecher ist Malte Duisberg. Er ist heute ins Bürgerhaus Kall gekommen, um über die Motive zu sprechen, die zur Gründung der Genossenschaft Ende 2016 geführt haben. Ja, ihm sei schon länger aufgefallen, dass in der Region eine Organisation fehlte, die das Miteinander der Generationen fördert. Gerade ältere Menschen seien häufig isoliert, erzählt Duisberg, der auch Leiter der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim Gemünd ist. Von daher kennt er die Sorgen und Nöte von älteren Menschen: Zwar ermöglichten professionelle Pflegedienstleister ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu Hause. Für kleine Handgriffe zwischendurch und vor allem für längere Gespräche bleibe aber oft keine Zeit. „Dass da etwas fehlt, merken wir im ambulanten Dienst jeden Tag“, sagt Duisberg mit Blick auf die Pflegebetreuung daheim, die auch seine Einrichtung anbietet.

Besonders in einer ländlich zersiedelten Region wie der Eifel sei Alterseinsamkeit schon jetzt ein Problem. „Hier in der Eifel fährt man ja nicht mal kurz mit der Straßenbahn in den nächsten Ort wie in den Großstädten.“ Wichtig sei aber, nicht nur die Probleme zu thematisieren, sondern auch das riesige Potenzial zu erkennen, das ältere Menschen für die Gesellschaft bereithielten. Duisberg sieht den demografischen Wandel auch als große Chance. „Ältere Menschen bieten Lebenserfahrung und Wissen, von denen jüngere Generationen profitieren können.“

Vor fünf Jahren begannen Duisberg und seiner Mitstreiter deswegen damit, sich intensiv mit der Idee einer Genossenschaftsgründung zu beschäftigen. In Süddeutschland besuchten sie ähnliche Projekte, um Erfolgsaussichten abzuschätzen. Danach war klar: Damit das Projekt gelingt, müssen Mitglieder aller Altersgruppen vertreten sein. Im Dezember 2016 wurde die „GenoEifel“ dann ins Genossenschaftsregister eingetragen. Die ersten Mitglieder traten im Juli 2017 bei. „Es ist keine Seniorengenossenschaft“, betont Malte Duisberg.

Die Idee hinter der gemeinnützigen Generationengenossenschaft „GenoEifel“: Die Mitglieder aller Generationen unterstützen sich gegenseitig mit alltäglichen Hilfen. Fahrdienste zum Arzt, zur Kirche oder zum Einkaufen sind genauso möglich wie kleinere Hilfstätigkeiten im Haus oder gemeinsame Wanderungen und Ausflüge. „Jeden Tag kommen mehr Angebote hinzu. Denn welche Fähigkeiten und Ideen die Mitglieder haben, konnten wir ja nicht voraussehen“, erklärt Koordinatorin Corinne Rasky, die als Angestellte im Büro der Genossenschaft arbeitet. Gerade hat sie die Angebote „Hundesitting“, „Hilfe im Umgang mit dem PC“ und „Hilfsangebote als Leih-Oma/-Opa“ in der Datenbank hinzugefügt. Zwei Schwerpunkte sind Teil des Projekts: „Leben im Alter“ und „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Aber es gibt auch Einschränkungen: Die „GenoEifel“ möchte keine Konkurrenz für Pflege- und Handwerksleistungen sein. Deshalb sind solche Tätigkeiten ausgeschlossen.

Wenn man Gudrun Rother fragt, warum sie sich in der Genossenschaft engagieren möchte, schaut sie auf ihren kleinen Spaniel und erzählt von einsamen Tagen. „Manchmal bin ich mit meinem Hund in die Hundeschule gegangen, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war. Nur damit der Tag schneller vergeht.“ Später engagierte sich die ehemalige Lehrerin ehrenamtlich in einer Förderschule und gab Nachhilfe. Doch die feste wöchentliche Verpflichtung war ihr irgendwann zu viel. Im Modell der Genossenschaft sieht sie einen entscheidenden Vorteil: Sie kann individuell und sehr flexibel Hilfe anbieten. Gerne würde sie Kurse zu heimischen Kräutern geben oder einsame Menschen besuchen. Auch beim Ausfüllen von Formularen könnte sie helfen.

„Menschen wollen sich heute selbstbestimmt für die Gesellschaft engagieren“, sagt Malte Duisberg. Das habe ganz nebenbei auch den Vorteil, dass sie sich häufiger langfristig engagierten. Besonders bei der „GenoEifel“ sei, dass sich die gegenseitige Wertschätzung auch in einer finanziellen Gegenleistung ausdrücke: Für jede geleistete Stunde Hilfe berechnen die Genossenschaftsmitglieder untereinander neun Euro. Sechs Euro bekommt der Helfer und drei Euro behält die Genossenschaft. Alternativ kann sich der Helfer das Geld auch auf einem Zeitkonto gutschreiben lassen. Und wenn er selbst mal Hilfe braucht, die gesammelte Zeit nutzen. „Dann hat auch der Hilfesuchende nicht das Gefühl, dass er Almosen bekommt und nimmt das Angebot ohne Scham öfter an“, sagt Malte Duisberg.

Christiane Grabe, Referentin für Quartiersentwicklung bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, sieht in der Rückbesinnung auf den Nahraum, also auf einzelne Stadtteile oder Gemeinden wie bei der „GenoEifel“, eine große Chance: „Wenn im Zuge des demografischen Wandels der Anteil älterer Menschen deutlich ansteigt und sich parallel Lebensentwürfe und Wohnwünsche immer individueller gestalten, verändern sich auch die Anforderungen an die Versorgung.“ Das zeige sich beispielsweise durch den Wunsch älterer Menschen, so lange und selbstbestimmt wie möglich im vertrauten Umfeld leben zu wollen. „Hieran knüpft auch das in der UNBehindertenrechtskonvention verankerte gesellschaftspolitische Leitbild der Inklusion an“, sagt Christiane Grabe.

Sowohl in der Alten- als auch in der Behindertenarbeit werde der Blick daher neben der individuellen Hilfeplanung vermehrt auf die Ressourcen des umgebenden Quartiers gelegt. Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung rückten damit wieder stärker in den Fokus der sozialen Arbeit. Diskutiert werde aktuell die Entwicklung „Sorgender Gemeinschaften“ – ein ambitioniertes Konzept angesichts der fortschreitenden Ökonomisierung des Sozial- und Gesundheitswesens. Der aktuelle Altenbericht der Bundesregierung greift dieses Konzept in der Beschreibung von „lokalen Sorgestrukturen“ auf. Grundlage solcher lokalen Verantwortungsgemeinschaften ist die Vernetzung von professionellen Diensten und vielfältigem bürgerschaftlichem Engagement, beispielsweise im Rahmen von Nachbarschaftsinitiativen oder Quartiersprojekten in Städten und Gemeinden.

Oft hätten Quartiersprojekte, wie es sie mittlerweile in vielen Regionen gibt, einen urbanen Kontext. „Aber gerade auf dem Land sind die Herausforderungen besonders groß, weil hier vielerorts die Alterung mit zum Teil dramatischem Bevölkerungsschwund und dem Abbau von Versorgungsangeboten einhergeht“, sagt Christiane Grabe. Genau dort könnten und würden Genossenschaften lokal Verantwortung übernehmen.

„Mit dem Engagement im überschaubaren Nahraum verbunden ist das Gefühl, dass man hier Dinge im Kleinen ausprobieren kann, die sich so auf der großen politischen Bühne kaum noch durchsetzen lassen“, sagt Christiane Grabe. Wichtig sei es daher, lokale und regionale Konzepte der Verantwortungsübernahme, wie sie Genossenschaften darstellen könnten, nicht primär als Bewältigungsstrategie gegen Überalterung, Finanzierungslücken und Fachkräftemangel zu verstehen, sondern als Chance zur Mitgestaltung und Rückbesinnung auf die Gemeinwohlorientierung. So werde ein gesellschaftlicher Diskurs befördert, der auf Dauer das Zusammenleben gemeinschaftlicher und solidarischer gestalten könne.

Damit seien, so die Expertin der Diakonie, Projekte wie die GenoEifel auch „eine positive Antwort auf die Sehnsucht nach Beheimatung, Selbstwirksamkeit und Verbindung in einer globalisierten, hochkomplexen, scheinbar entgrenzten Welt.“ Das Modell der Genossenschaft biete außerdem als Organisationsform Vorteile. Denn wenn wirtschaftliche Tätigkeiten erbracht würden und abgerechnet werden müssten, sei das auf Vereinsebene schwierig zu organisieren.

Auch Vorstandssprecher Malte Duisberg war schnell von der Organisationsform Genossenschaft überzeugt. Die von ihm geleitete Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim Gemünd ist eine von zehn regionalen Firmen und Stiftungen, die die Genossenschaft unterstützen. „Als evangelische Stiftung ist uns der christliche Gedanke der Nächstenliebe natürlich ganz nah.“ Aber auch das basisdemokratische Prinzip habe überzeugt: In einer Genossenschaft hat jedes Mitglied nur eine Stimme, unabhängig von der Anzahl der Anteile. Wer Mitglied in der „GenoEifel“ werden möchte, muss pro Familie 40 Euro Beitrag zahlen. Außerdem muss jedes Mitglied mindestens einen Geschäftsanteil für 50 Euro erwerben. Für Menschen, die sich die Mitgliedschaft und die Stundensätze nicht leisten können, gibt es einen Hilfsfonds.

Argumente, die auch andere überzeugen: Manfred Zimmermann aus Hellenthal-Hescheld erfuhr von der Gründung der Genossenschaft aus der Zeitung. Im Sommer 2017 war das, genau einen Monat vor seinem Ruhestand. „Ich habe nicht gezögert und mich sofort gemeldet“, sagt der Rentner und blättert durch eine Mappe, die er zusammengestellt hat. Darin: Die Satzung der Genossenschaft und seine Beitrittserklärung.

Im Juli 2017 war er eines der ersten Mitglieder. Einen Hilfseinsatz hat er bereits geleistet und für eine Frau einen Fahrdienst übernommen. Der gelernte Schreiner und Funkamateur kann einiges an Hilfe anbieten: Auto fahren, aber auch eine Glühbirne wechseln oder mit Holz arbeiten. Zum Beispiel ein Vogelhaus bauen. Der Kontakt mit anderen Menschen ist der Hauptgrund für sein Engagement. „Ich habe Zeit von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends“, sagt der 75-Jährige. „Durch die Genossenschaft lerne ich neue Leute und andere Perspektiven kennen.“

Drei Monate nach dem Start der „GenoEifel“ war die Resonanz in der Region enorm: Fast hundert Menschen sind in die Genossenschaft eingetreten. In den ersten Wochen standen Interessierte vor dem Büro im Rathaus in Kall Schlange. Und so kann es für die Gründer der Genossenschaft gerne weitergehen: Innerhalb der ersten fünf Jahre muss die Genossenschaft tausend Mitglieder gewinnen, um sich selbst zu tragen. Aktuell hilft noch eine fünfjährige Förderung des „Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“. Bis 2022 fließen aus dem EU-Programm 118.000 Euro an die „GenoEifel“, hinzu kommen 63.000 Euro von zehn regionalen Firmen und Stiftungen, darunter die Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim Gemünd.

Die größte Befürchtung der Gründer erfüllte sich derweil nicht: Sie hatten mit einer Lawine von Hilfesuchenden gerechnet. Stattdessen überwiegt derzeit die Zahl der Helfer. „Jetzt ist unser Hauptziel, die angebotenen Hilfsleistungen auch an diejenigen zu bringen, die sie benötigen“, sagt Koordinatorin Corinne Rasky. Viele Menschen Koste es Überwindung, um Hilfe zu bitten. „Das Schönste sind die begeisterten Gesichter, nachdem sich Fremde begegnet sind. Wenn zum Beispiel ein tropfender Wasserhahn zum Austausch von Lebensgeschichten führt. Dann merke ich, das lohnt sich alles.“

Auch Gudrun Rother ist nach dem Treffen mit der Koordinatorin überzeugt. Sie will der Genossenschaft so schnell wie möglich beitreten. Und hofft, schon bald den ersten Kräuterkurs anbieten zu können.

INFO

Das Angebot der „GenoEifel“ beschränkt sich bislang auf die sechs Kommunen Blankenheim, Dahlem, Hellenthal, Kall, Nettersheim und Schleiden sowie Mechernich. In Zukunft soll das Gebiet auf den gesamten Kreis Euskirchen ausgeweitet werden. Anfragen für das Projekt gibt es kurz nach dem Start bereits zahlreiche: aus der Südeifel, dem Rhein-Sieg-Kreis, aus Aachen und sogar aus Belgien.

www.genoeifel.de

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