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Es begann mit einer frommen Idee

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wird heute als Mitgründer des genossenschaftlichen Finanz- und Bankwesens gewürdigt. Seine christlichen Wurzeln sind etwas in Vergessenheit geraten.

 

Text: Michael Klein
Fotos: Markus Haefke

 

In einem modernen geistlichen Lied heißt es: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise; und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt. (…) Ein Funke, kaum zu sehn, entfacht doch helle Flammen, und die im Dunklen stehn, die ruft der Schein zusammen.“ (Ev. Gesangbuch Nr. 659)

Dieses Lied von Manfred Siebald könnte mit Fug und Recht auch als „Raiffeisen-Lied“ bezeichnet werden, denn auch bei ihm begann alles unscheinbar im Kleinen mit einer frommen Idee. Eine Idee, die heute weltweit hunderte Millionen von Menschen in Genossenschaften zusammenführt.

Raiffeisen wurde am 30. März 1818 als siebtes von neun Kindern des Amtsbürgermeisters Gottfried Raiffeisen und seiner Frau Amalia in Hamm an der Sieg geboren. Der Ort im Westerwald war wie die Region einige Jahre zuvor an das Königreich Preußen gefallen und Gottfried Raiffeisen amtierte dort nun als preußischer Kommunalbeamter. Doch schon bald wurden Beschwerden über seine Amtsführung laut. Ein unrechtmäßiger Eingriff in die Armenkasse sollte ihn das Amt kosten und die Familie für Jahrzehnte mit Schulden belasten. Auf dieser dunklen Folie spielte sich die Kindheit des jungen Friedrich Wilhelm ab.

Von der Mutter in diesen schweren Belastungen zu einer lebenspraktischen Frömmigkeit erzogen, kümmerte sich besonders sein Patenonkel, der Ortspfarrer, um ihn. Er war ein sozial engagierter Mann, der selbst im Zuge einer Hungersnot einen Hilfs- und Unterstützungsverein in Hamm gegründet hatte. Der Patenonkel brachte Raiffeisen über die Volksschulkenntnisse hinausgehende Fähigkeiten bei, damit er sich als Siebzehnjähriger erfolgreich um die Aufnahme ins Militär bewerben konnte. Wahrscheinlich war damit der Plan verbunden, Raiffeisen über den „Umweg“ des Militärdienstes die Befähigung für eine Verwaltungstätigkeit zu verschaffen. Als Soldat wurde er zu einer Spezialausbildung als „Oberfeuerwerker“ abkommandiert.

Einen anderen Lebensschwerpunkt fand Raiffeisen in dieser Zeit im Freundschaftsbund „Euterpia“, den einige seiner Freunde gegründet hatten. Darunter waren auch drei spätere Theologiestudenten, mit denen Raiffeisen Lebensfreundschaften schließen sollte. Später wurde die Euterpia eine Keimzelle der Studentenverbindung „Wingolf“. Raiffeisen blieb mit seinen Freunden in Kontakt und erhielt hier eine Fülle geistiger Anregungen.

Bei seinen soldatischen Arbeiten in einer Eisengießerei zog er sich ein Augenleiden zu, sodass er vorzeitig aus dem Militärdienst ausschied und bald darauf in die kommunale Verwaltungstätigkeit übernommen wurde. Mit 27 Jahren wurde er 1845 Bürgermeister der Westerwaldgemeinde Weyerbusch mit ihren umliegenden Dörfern. Raiffeisen setzte sich hier für die Verbesserung der Infrastruktur ein. Dazu zählten besonders der Schul- und Straßenbau.

Backhaus in Weyerbusch

Als es 1846/47 zu einem Hungerwinter kam, war der junge Bürgermeister besonders gefordert. Er orderte bei der königlichen Regierung Korn für seine Gemeindebürger. Dies wurde auch geliefert, allerdings mit der Maßgabe der sofortigen Bezahlung; etwas, das den verarmten Menschen jedoch unmöglich war. Raiffeisen gab deshalb das Korn – später das Brot, das in einem kleinen Backhaus gebacken wurde – auf Kredit aus. Weitere Kornlieferungen wurden beschafft. Die finanzielle Haftung übernahmen dabei die Mitglieder eines eigens gegründeten „Brodvereins“. Die Aktion war ein großer Erfolg und die Bürgermeisterei überstand die Krise sehr gut.

Bald darauf in die Nachbargemeinde Flammersfeld versetzt, ging Raiffeisen erneut mit einer Vereinsgründung ans Werk. Der dortige „Hülfsverein“ gab nun Kredite aus, um die Bauern von Wucherern unabhängig zu machen. Auf Kredit des Vereins konnten die Landwirte Vieh oder landwirtschaftliche Gerätschaften kaufen. Wieder haftete der genannte Verein und wieder war die Kreditausgabe erfolgreich.

In seiner nächsten Bürgermeisterei in Heddesdorf am Rhein zog Raiffeisens Idee der Selbsthilfe dann ab 1852 noch weitere Kreise in einem „Wohlthätigkeitsverein“. Zur günstigen Kreditvergabe kam die Fürsorge für verwahrloste Kinder, die Strafentlassenenfürsorge und die Gründung einer Volksbibliothek hinzu. Raiffeisen arbeitete mit seinen Ideen in erstaunlicher Übereinstimmung mit der kurz zuvor durch Johann Hinrich Wichern initiierten „Inneren Mission“. Einer seiner Lebensfreunde, Pfarrer Albrecht Julius Schöler, sollte als Propagandist der Inneren Mission im Rheinland gleichzeitig auch ein Werber für Raiffeisens Ideen werden.

Raiffeisen stieß nun aber erstmals an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Letztlich erfolgreich waren in seinem „Wohlthätigkeitsverein“ nur die Kinderfürsorge und die Kreditausgabe. Die Letztere hatte jedoch mittlerweile ein solches Volumen angenommen, dass die nach wie vor unbeschränkt haftenden Vereinsmitglieder um ihr Vermögen zu bangen begannen. Raiffeisen musste den Verein schließlich auflösen. An seine Stelle trat nun ab 1864 ein sogenannter Darlehnskassen-Verein, der als Genossenschaft konzipiert war.

Mehr als nur Kreditbeschaffung

Kreditgeber und Kreditnehmer waren nun beide Mitglieder im Verein. Ein solcher „Darlehnskassen-Verein“ war zur besseren gegenseitigen Sozialkontrolle auf die Größe einer Pfarrei beschränkt. Er gab keine Dividenden aus und wurde ehrenamtlich geführt. Das Besondere: Die Zinseinnahmen der ausgegebenen Kredite wurden in einem Stiftungsfonds aufgespart, bis aus diesem wiederum soziale Projekte gefördert werden konnten. Damit gingen Raiffeisens Pläne weit darüber hinaus, mit seinen Vereinen nur günstige Mittel zur Kreditbeschaffung bereitzustellen. Sie beteiligten sich vielmehr ganz aktiv an der Förderung des Gemeinwesens. Raiffeisen entwickelte hier seine konkrete Vision, wenn er aufzählte, was mit den angesparten Mitteln aus dem Stiftungsfonds gemacht werden sollte. Er schrieb dazu:

„Der jährliche Gewinn [der Zinseinnahmen aus dem Stiftungsfonds] würde reichlich die Mittel bieten, Einrichtungen zur Hebung der Gesamtwohlfahrt der Bevölkerung, wie z. B. Kleinkinderverwahranstalten, Fortbildungsschulen für die aus der Schule entlassene Jugend, Hospitäler und Krankenhäuser, Asyle für Hilfsbedürftige, altersschwache Personen usw. ins Leben zu rufen.“

Raiffeisens originale Brille

Raiffeisen, wegen seines Augenleidens mittlerweile frühpensioniert und in finanziell prekären Verhältnissen lebend, hatte mit seinen Genossenschaften die Form gefunden, mit der er in der Folgezeit arbeiten konnte. Nicht zuletzt durch eine von ihm 1866 verfasste praktische Anleitung zur Gründung von „Darlehnskassen-Vereinen“ verbreitete sich seine Idee rasch, zunächst im Rheinland und dann bald schon im ganzen deutschen Sprachraum, später auch noch darüber hinaus. Dabei war es Raiffeisen immer entscheidend wichtig, dass überall dort, wo neue Vereine entstanden, die Geistlichkeit mit eingebunden werden sollte. Ohne den Pfarrer würden die Vereine nur schwer, gegen ihn gar nicht entstehen, meinte er. Konfessionelle Fragen spielten dabei für ihn keine Rolle. Entscheidend war die Unterstützung der Pfarrer. Raiffeisen sah für diese auch die Möglichkeit, mit ihren Gemeindegliedern in engeren Kontakt zu kommen. Sie würden dadurch erkennen, dass auch ihre ökonomischen Belange der Geistlichkeit nicht gleichgültig waren.

So erfolgreich Raiffeisen jedoch nun mittlerweile mit seiner Arbeit war: Es blieb eine produktive Unzufriedenheit. Raiffeisen lehnte es ab, seine Vereine nur als Institutionen zur günstigen Kreditvergabe anzusehen oder die später hinzugekommenen Warenzentralen nur als Organisationen zur günstigen Beschaffung und zum lohnenden Verkauf ländlicher Produkte zu betrachten. Raiffeisen wollte mehr. Entscheidend für ihn war die geistliche Dimension. Die Vereine sollten Menschen in ihrer Not helfen, getreu der Aufforderung Jesu Christi: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dass die religiöse Dimension für den Genossenschaftsgründer nicht im reinen Appell oder in metaphorischer Rede, sondern in geglaubter Wahrheit bestand, wird hier deutlich.

Nicht alle Genossenschaftler dachten wie Raiffeisen, und er sann darüber nach, wie die geistliche Fundierung seiner Arbeit gesichert werden konnte. Er fand dafür zwei Vorbilder: Zum einen war das eine Kommunität von Menschen, die angeschlossen an den Franziskanerorden in der Krankenpflege tätig waren, ohne selber im geistlichen Stand zu sein. Des Weiteren kannte er aus der Herrnhuter Brüdergemeine das Vorgehen, erwirtschafteten Gewinn nicht auszuschütten, sondern in die Mission fließen zu lassen.

Raiffeisen gründete deshalb in enger personeller Verflochtenheit mit seiner Genossenschaftsarbeit eine Handelsgesellschaft, deren Gewinn in seine „Mission“, die Genossenschaftsarbeit, gehen sollte. Die Mitarbeitenden sollten darüber hinaus in einer Kommunität mit dem Namen „Gesellschaft Charitas“ leben. So hoffte Raiffeisen, geistlich geeignete Mitarbeitende für seine „Genossenschaftsmission“ zu finden. Wenn die Pläne sich auch nicht verwirklichen ließen, zeigen sie doch, wie Raiffeisen – wie sich später herausstellte – bis kurz vor seinem Tod an solchen Ideen gearbeitet hatte.

Tiefe spirituelle Verankerung

Auch auf den jährlichen Verbandstagen seiner Genossenschaften wurde Raiffeisen zunehmend zum unbequemen Mahner. Raiffeisen konnte ganz unbefangen Jesu Aufforderung zur Zuwendung zu den „geringsten Brüdern“ im Gleichnis vom Großen Weltgericht (Matthäus 25) als „Grundlage der Darlehnskassen-Vereine und deren ganzer Organisation“ bezeichnen. Hier wird noch einmal die tiefe spirituelle Verankerung seiner Tätigkeit deutlich. Natürlich war dieser direkte religiöse Bezugsrahmen, der die Genossenschaftsarbeit einlinig als religiös motivierte Tätigkeit definierte, nicht die allgemeine Auffassung im Genossenschaftsverband. In gewissem Sinne wurde „Vater Raiffeisen“, wie er nun in der Genossenschaftsbewegung genannt wurde, auf den Sockel gehoben. Im Schatten des Denkmals hatten jedoch manche andere Ansichten als der geistlich so unbequeme Genossenschaftsgründer.

Im kirchlichen Raum war Interesse für Raiffeisens gläubige Grundhaltung vorhanden. Hatte schon sein Jugendfreund Pfarrer Schöler versucht, hier auf Raiffeisen aufmerksam zu machen, versuchte es später mit durchschlagendem Erfolg auch Pfarrer Adolf Wuttig. Er hatte als junger Pfarrer die evangelische Kirchengemeinde Frankenheim in Thüringen übernommen. Die Menschen dort waren in wucherischer Schuldknechtschaft gebunden. Die Lage erschien so aussichtslos, dass die großherzogliche Regierung von Sachsen-Meiningen die Menschen auf Staatskosten nach Amerika verschiffen wollte, um dann das Dorf zu schleifen. Dem jungen Pfarrer gelang es jedoch, aus dem Dorf ein blühendes und schuldenfreies Gemeinwesen zu machen, das sich zudem durch Ansiedlung einer Bürstenfabrik und eines Hotels für Sommerfrischler einen gewissen Wohlstand erarbeiten konnte.

Dies alles führte Pfarrer Wuttig auf seine erfolgreiche Arbeit mittels der Raiffeisen’schen Genossenschaften zurück. Deshalb verbreitete er seine positiven Erfahrungen in kirchlichen Kreisen und Gremien. Seine Initiative, Raiffeisen zum 70. Geburtstag 1888 den Ehrendoktortitel zu verleihen, ließ sich nicht mehr verwirklichen, weil der Genossenschaftsgründer einige Tage zuvor, am 11. März 1888, gestorben war.

Besonders die Innere Mission als Vorläufer der heutigen Diakonie interessierte sich mittlerweile für Raiffeisens Genossenschaftsidee. Noch in seinem Todesjahr 1888 beschäftigte sich der „Kongreß für Innere Mission“ erstmals mit der Thematik. Auf dem „Kongreß für Innere Mission“ in Posen kam es sieben Jahre später ganz ausdrücklich zur Aufnahme der Genossenschaftsarbeit nach Raiffeisens Idee in den diakonischen Bereich. Feierlich wurde beschlossen:

„In den Raiffeisen’schen Darlehnskassen-Vereinen nach Organisation Friedrich Wilhelm Raiffeisens begrüßen wir ein echt christliches Unternehmen, in welchem praktische Sozialreform auf christlicher Grundlage zu That und Wahrheit wird. Diese Vereine haben christlichen Ursprung (die geweihte christliche Persönlichkeit ‚Vater Raiffeisens‘ und die christlich-sittlichen Grundsätze der Normalstatuten der Vereine), sie enthalten christliche Liebesarbeit (christlich verstandene Solidarhaft, parochiale Gliederung, Unentgeltlichkeit der Geschäftsführung, vorsichtige und zweckentsprechende Darlehensbewilligung zur christlich sittlichen Förderung des Entleihers, Ansammlung des gemeinsamen Stiftungs-Fonds) und bezwecken christliche Ziele (Belebung des christlichen Gemeinschaftsverhältnisses, heiligende Zucht, Vorbeugung gegen Verlotterung und Verarmung, Unterstützung der Volkswohlfahrt.). … Das Werk Raiffeisens hat Heimatrecht gefunden in dem vielgegliederten Bau der Inneren Mission.“

Raiffeisen und seine Genossenschaften waren damit für längere Zeit hoch anerkannt im evangelischen Leben. In den vielen Ländern und Provinzen des Deutschen Reiches war in den jeweiligen Vereinen für Innere Mission auch die Raiffeisen-Arbeit integriert. Unzählige Jahresberichte in kirchlichen Archiven legen davon bis heute Rechenschaft ab. So heißt es etwa im Bericht der Inneren Mission im Herzogtum Gotha 1909: „Die Raiffeisenschen Darlehnskassenvereine erfreuen sich meist gesunden Wachstums und bringen neben der Gesundung der  wirtschaftlichen Verhältnisse eine Erziehung zur Nächstenliebe und eine Schulung für gemeindliche Aufgaben und praktische Wohlfahrtsarbeit. Immer mehr überweisen sie einen Teil ihrer Gewinne der Gemeindepflege, ja [der Verein M.K.] Finsterbergen hat ein besonderes Kapital gesammelt, dessen Zinsen Zwecken der Inneren Mission dienen.“

Selbst in der Theologie kam „Raiffeisen“ um die vorige Jahrhundertwende nun vor, wenn die Gründung eines „Darlehnskassen-Vereins“ in einem Handbuch der Praktischen Theologie erklärt wurde. Leider erlahmte nach dem Ersten Weltkrieg das Interesse an dieser Arbeit. Insbesondere Theologen, die von der Dialektischen Theologie Karl Barths beeinflusst waren, sahen die Tätigkeit im Raiffeisen-Verein als uneigentliche und deshalb auch unnötige Tätigkeit eines Pfarrers an. Auch deshalb geriet die einstmals enge Verbindung Kirche – Raiffeisen schnell in Vergessenheit.

Im Jubiläumsjahr von Raiffeisens 200. Geburtstag wird vielerorts an den Genossenschaftsgründer erinnert. Seine Idee zog – um in den Bildern des eingangs zitierten Liedes zu bleiben – „weite Kreise“ und der Funken seiner Glaubensglut entfachte „helle Flammen“. Denn alles begann mit einer frommen Idee.

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ÜBER DEN AUTOR

Michael Klein, Jahrgang 1964, ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hamm an der Sieg, eben jenem Ort, an dem Raiffeisen geboren wurde. Michael Klein hat seine Doktorarbeit über Raiffeisen geschrieben und lehrt neben seinem Pfarrdienst als außerplanmäßiger Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg.

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