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Ärmel hoch!

Mitglieder der niederrheinischen Tuwas Genossenschaft wollen Menschen in Arbeit bringen und der Wegwerfmentalität etwas entgegensetzen.

Text: Ute Stephanie Mansion
Fotos: Andre Zelck

 

Drei Schneiderpuppen im Schaufenster und der Schriftzug „Nähzimmer“ verraten: Hier befindet sich die Nähwerkstatt der Tuwas Genossenschaft im niederrheinischen Neukirchen-Vluyn, in der jede und jeder auch ohne vorherige Anmeldung willkommen ist. Zwei Stufen geht es hoch, dann steht man in einem hell erleuchteten länglichen Ladenlokal mit pastellfarbenen Wänden. Auf einem Ständer am Eingang werden Taschen, jede ein Unikat, zum Verkauf angeboten. In einem Regal reihen sich Gläser aneinander, gefüllt mit großen, kleinen, runden und eckigen Knöpfen. Weiter hinten stehen Nähmaschinen und liegen Stoffe auf Tischen.

Die Kombination von Werkstatt, Nähzimmer und Ladenlokal ist eins von vielen Projekten und Angeboten der Tuwas Genossenschaft, die bisher vor allem in Moers und Neukirchen-Vluyn aktiv ist. Gegründet wurde sie 2012 auf private Initiative von sieben Menschen, die aus sozialethischen Motiven ein Angebot in ihrer Umgebung schaffen wollten: Es sollte die Beschäftigung und Weiterbildung arbeitsloser Menschen fördern und den Verkauf von preiswerten Möbeln und Hausrat für Menschen mit geringem Einkommen umfassen. Kerngeschäft waren anfangs ein Sozialkaufhaus und Haushaltsauflösungen. Beides bietet die Tuwas Genossenschaft noch heute an. Im Sozialkaufhaus in Moers werden Möbel, Hausrat, Kleidung und mehr, fast alles aus zweiter Hand, verkauft. Außerdem gibt es Projektläden, die verschiedene Integrationsmaßnahmen etwa für Flüchtlinge bieten, ein Repaircafé und eine Fahrradwerkstatt.

Jedes Mitglied der Genossenschaft hat eine Stimme: Das Mitbestimmungspinzip ist den Gründern Horst Manja (links) und Rainer Tyrakowski-Freese wichtig

Horst Manja (73), früher Bevollmächtigter der IG Metall in Duisburg und jetzt Aufsichtsratsvorsitzender der Tuwas Genossenschaft, schlägt einen Bogen zurück ins Jahr 1987, um seine und die Motivation der anderen Gründer der Genossenschaft zu erklären: Damals habe der Kirchenkreis Moers gemeinsam mit der Gewerkschaft für den Erhalt von Duisburg-Rheinhausen als Stahlstandort und damit für den Erhalt Tausender von Arbeitsplätzen gekämpft. Das Prinzip der Solidarität und Mitbestimmung, das auch die genossenschaftliche Idee prägt, war unter den Protestierenden sehr stark – und zunächst erfolgreich. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut schweißte zusammen – und darf nach Überzeugung der Tuwas-Genossenschaftsgründer von der Kirche und anderen Einrichtungen nicht aufgegeben werden.

Die sozialethische Tradition im Kirchenkreis Moers wollten Horst Manja und Rainer Tyrakowski-Freese (66), früher Geschäftsführer der Diakonie im Kirchenkreis Moers und jetzt Vorstand der Tuwas, mit der Gründung der Genossenschaft bewahren. „Wir sind auch der Wegwerfmentalität entgegengetreten“, nennt Tyrakowski-Freese eine weitere Motivation für die Gründung. „Darum war uns die Verwertung von Möbeln und Textilien wichtig.“

Diese Idee liegt auch dem Projekt „Offene Werkstatt – Nähzimmer“ zugrunde: Zum einen können alle kommen und für einen kleinen Betrag nähen, zuschneiden, flicken, was und wie sie möchten. Nähmaschinen, Stoffe, Garn, Knöpfe – vieles davon gespendet – stehen bereit, und nähkundige Ehrenamtliche helfen, wo es nötig ist. Auch Nähkurse werden angeboten.

Zum anderen gehört zum Nähzimmer auch die Nähschule „HudHud“, ein Fortbildungsangebot für Schneider aus Syrien, die als Flüchtlinge nach Neukirchen-Vluyn kamen. „Hudhud“ ist das arabische Wort für den Vogel „Wiedehopf“. Die Schneider stammen überwiegend aus Aleppo, ehemals eine Hochburg der Textilproduktion. Sie lernen weitere Techniken und entwerfen mit einer Designerin Kleidung und Taschen und nähen sie dann aus Kleiderspenden.

Jaudat Sido (36) ist einer der syrischen Schneider. Im Hinterzimmer des Ladens nimmt er einen Rock mit Borte und einen mit Rankenmuster von einer Stange: „Die haben wir aus Tischdecken gemacht“, erklärt er stolz. Ein dünnes weißes Kleid war mal eine Gardine. Was Sido und die anderen für das von der Genossenschaft ins Leben gerufene Modelabel „Hudhud Upcycling Couture“ gestalten, wird in Läden in Moers, Neukirchen und in Xanten verkauft.

Warum gründeten Tyrakowski-Freese, Manja und ihre Mitstreiter ausgerechnet eine Genossenschaft? „Wir haben uns überlegt, dass die Form der Genossenschaft inhaltlich gut zu dem passte, was wir vorhatten“, erklärt Tyrakowski-Freese. Neben Zielen wie Nachhaltigkeit und Bekämpfung von Armut und Langzeitarbeitslosigkeit gehört dazu vor allem das Solidaritätsprinzip, das zum Wesen von Genossenschaften zählt. Es kam den Tuwas-Gründern entgegen, dass 2006 das Genossenschaftsgesetz geändert wurde: Vorher hatten Genossenschaften den Auftrag, Dienstleistungen für ihre Mitglieder zu erbringen. Jetzt aber konnte es auch Zweck einer Genossenschaft sein, die sozialen und kulturellen Belange der Mitglieder durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern. „Unser sozialer Belang war unter anderem, ein gutes preiswertes Angebot an Waren zu schaffen – nicht unbedingt für die Mitglieder, sondern weil wir wollten, dass es das für ärmere Menschen gibt“, erläutert Tyrakowski-Freese.

Von einem weiteren Ziel – der Qualifizierung von Menschen, deren berufliche Eingliederung schwierig ist – profitiert zum Beispiel Liane Reichstein (38). Sie kam durch eine Maßnahme des Jobcenters zur Tuwas Genossenschaft und verkauft im Nähzimmer Kleidung, kümmert sich um Werbung und sichtet gespendete Waren in einem anderen Projektladen. „Ich finde es toll, dass man hier Menschen eine Chance gibt, wieder ins Berufsleben zu finden“, sagt sie.

Außer den in Maßnahmen und Projekten befristet Beschäftigten und ehrenamtlich Tätigen hat die Tuwas Genossenschaft 24 feste Mitarbeiter. Manche von ihnen sind Mitglieder der Genossenschaft und bestimmen deren Geschicke mit. Das Mitbestimmungsprinzip ist den Gründern wichtig. „ Jedes Mitglied hat nur eine Stimme bei der jährlichen Generalversammlung, egal, wie viele Anteile es hält“, erklärt Vorstand Tyrakowski-Freese. Aktuell gibt es 32 Mitglieder, die bis zu zehn Anteile à 500 Euro haben, möglich sind maximal 37 Anteile. Sowohl natürliche als auch juristische Personen können Mitglied werden, und so haben auch fünf evangelische Kirchengemeinden vom Niederrhein Anteile gezeichnet.

„Von den Erlösen, die wir erzielen, schütten wir nichts an die Mitglieder aus“, führt Horst Manja eine weitere Besonderheit auf. „Und sie sehen ihr Engagement auch nicht unter dem Aspekt: ,Was kriege ich dafür?‘“ Die Erlöse fließen in die Projekte der Genossenschaft. Darum gehört Tuwas zu den wenigen gemeinnützigen – und außerdem mildtätigen – Genossenschaften. In der Region ist sie mittlerweile bekannt. Tyrakowski-Freese sagt: „Die Leute sehen und erleben, was wir machen – das finden viele gut.“

Jaudat Sido hat das Modelabel „Hudhud couture and vintage“ mitgegründet

 

1 Kommentar zu “Ärmel hoch!

  1. Markus Schildhauer

    Wie der Name Tuwas schon sagt! Wichtig ist, dass man etwas tut – nicht dass man immer Gewinnt.
    Auch toll, dass die Raiffeisenbank das unterstützt. Nur mit solchen Unterstützern und dem gemeinsamen Arbeiten hat man langfristig Erfolg.

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